Geschlechterverhältnisse in Punk, Post-Punk & Hardcore

Martin Büsser – 07. Dezember 2009 – 20Uhr
(zusammen mit Jonas Engelmann)

Die meisten Subkulturen sind »homosozial« geprägt, wie Matthew Bannister in seiner Studie »White Boys, White Noise« herausarbeitet: Sie bestehen aus hierarchischen, vorwiegend männlich geprägten Strukturen. Männer begegnen sich auf engstem Raum, doch gerade aufgrund dieser homoerotisch aufgeladenen Situation bleibt Homosexualität meist unausgesprochenes Tabu.
Dieser Befund gilt weitgehend auch für die Punk- und Post-Punk-Szene. So wurde zum Beispiel die amerikanische Hardcore-Szene zu Beginn der 1980er fast ausschließlich von jungen Männern bestimmt. Nicht nur Homosexualität wurde hier ausgeklammert, sondern Sexualität an sich war kein Thema. Mit Straight Edge kulminierte die Ablehnung von Rauschmitteln und einem ausschweifenden sexuellen Lebensstil in einer »Gegenkultur der Gegenkultur« (Ray Cappo), die sich dezidiert gegen das hedonistische Lebensmodell des frühen Punk richtete, der noch für unterschiedliche sexuelle Orientierungen offen war.
Erst mit der Riot Grrrl- und Queercore-Bewegung in den 1990er-Jahren erkämpften sich Frauen, Lesben und Schwule innerhalb der Szene wieder Gehör.

Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen im Punk ist deshalb so komplex, weil es innerhalb der Punk-Bewegung schnell zu einer Ausdifferenzierung gekommen war: Der Art-School-Punk bzw. Post-Punk bevorzugt nicht nur musikalisch das Experiment, sondern hat seit Bands wie den Slits und X-Ray Spex auch gegen konventionelle Geschlechterrollen und Identitätsmodelle angekämpft – aus dieser Punk-Tradition sind schließlich auch Riot Grrrls und Queercore hervorgegangen. Der orthodoxe Street-, Oi!- und später Hardcore-Punk wird dagegen von einem konservativen Männerbild bestimmt, was so weit geht, dass die Deutschpunk-Band Terrorrgruppe noch 1998 mit dem schwulenfreundlichen Song »Neulich Nacht« bei vielen Fans auf Ablehnung stieß.
Der historisch angelegte Vortrag untersucht die unterschiedlichen Bewegungen im Punk und deren Verhältnis zu den normativen Geschlechterrollen.

Martin Büsser ist Mitherausgeber und auch Autor der „testcard“ und veröffentlicht regelmäßig Texte in den Medien konkret, jungle world, intro, etc. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Mainz. In den 1980er und 1990er Jahren war er für das Punk- und Hardcore-Fanzine „Zap“ tätig und beteiligte sich an „I Can´t Relax In Deutschland“.

Links:

„Die zarteste Versuchung“ (jungle world 33/2008) [tags: queer, emo] (Link)
„For your pleasure“ (jungle world 9/2008) [tags: queer, porno] (Link)
„Wilde Tiger, nette Jungs“ (jungle world 25/2009) [tags: queer cinema] (Link)


5 Antworten auf „Geschlechterverhältnisse in Punk, Post-Punk & Hardcore“


  1. 1 Jay 10. Dezember 2009 um 18:23 Uhr

    Kann man den Vortrag auch irgendwo im ganzen lesen? Nur die einleitenden Worte sind ja nun ein bisschen arg oberflächlich als Text, der für sich stehen soll…

  2. 2 Administrator 10. Dezember 2009 um 21:42 Uhr

    der text hier dient(e) nur als abstract für den neulich gehaltenen vortrag. dieser wiederum wurde etwas komprimiert, um den entfallenen vortrag von jonas engelmann zum thema emo mit aufzugreifen. der vortrag wurde aufgezeichnet und kann so bald er hochgeladen ist, nachgehört werden.

  3. 3 hage 06. Mai 2011 um 14:52 Uhr

    hey ich arbeite gerade zu dem Thema. Könnt ihr mir sagen, wo der Vortrag zugänglich ist? Ihn mir gegebenenfalls zukommen lassen. Das wäre großartig. Beste Grüße
    hg

  4. 4 Administrator 10. Mai 2011 um 11:53 Uhr

    hallo, die mitschnitte sind alle auf freie-radios.net zu finden (siehe „audio“). den mitschnitt von martin büsser gibt es hier. er und jonas engelmann haben auch zahlreiche artikel zum thema veröffentlicht.
    alles gute für die arbeit.

  1. 1 Aktuelles zur Reihe « „Wann hört Macht auf? Hier fängt Macht an. Lass uns nicht von Sex reden.“ Pingback am 19. Oktober 2009 um 22:04 Uhr
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