„jump and run. communistische postpornoperverse vs. kapitalsexistische ciswertmatrix“

Bini Adamczak & Cornelia Möser – 11. Januar 2010 – 20Uhr
(entfiel)

neulich im chat-fenster…

b: 10:44:11 braucht es einen queeren antikap oder einfach nur einen guten?
c: 10:54:43 also, ich versuche so ungefähr herzuleiten, dass diese ganze immaterielle arbeits-kiste im prinzip an feministischer kritik der teilung von privat/arbeit und produktiver/unprod. arbeit entstanden ist
b: 11:07:16 es gibt doch diese beknackte werkritik argumentation: gerade ihr erfolg beweist ihr scheitern. erfolg ist nur denkbar über integration. ansonsten wäre es revolution und es gäbe keinen kap mehr. und ich überlege, ob wir nicht als entgegnung auf diesen käse, die bindung zwischen verschiedenen kämpfen ein wenig lockern müssen …
c: 11:08:59 ich glaub das geht nicht richtig, so sehr ich dein anliegen verstehe

c: 12:52:34 als die feministinnen hausarbeitsstreik machten und die produktivität der hausarbeit thematisierten haben sie sich selbst sehr wohl als antikap verstanden und sie haben dem kap eine neue form verliehen durch ihre aktionen (was dem kap na klar nicht weh tat, vielleicht sogar das gegenteil diese veränderungen, die passiert sind werden auch subjektivieren, auflösung des privaten etc genannt und so gesehen könnten sie der lazzarato/negri versprechen aufsitzen, das jetzt bald die selbstabschaffung kommt.
und da kommt meine kritik: schön wär’s
b: 13:01:05: selbst wenn ich nicht all zu viel halte von negri und co, habe ich deren optimismus doch anders verstanden. nicht im sinne einer selbstabschaffungsthese à la bebel (der große kladderadatsch), sondern im sinne eines aufrufs zur ermächtigung, der nur unter den bedingungen der subjektivierung größere erfolgsaussichten hat, weil das wissen, das eine vergrößerte rolle spielt, nicht mehr nur eingelassen ist in den produktionsmitteln, sondern vor allem in den subjekten, so dass sie schon in der lage sind, den prozess zu übernehmen (der auch alle bereiche des lebens umfasst) – sie müssen es nur noch tun
c: 13:02:11 aber findest du nicht, dass sich das nach old marx und seinem histoMat anhört?
der hatte doch auch so eine these mit der produktivkraftentwicklung
b: 13:09:23 ja, aber die reproduktion ist doch gerade nicht vergesellschaftet worden, oder? es gibt mehr frauen auf dem arbeitsmarkt und es gibt die verweiblichung der arbeit, soft skills, subjektivierung usw. und es gibt verbunden mit sexueller befreiung die öffentliche breittretung der starsexualitäten und der proletarischen talkshowminoritäten – aber die keimzelle familie ist doch nicht aufgehoben worden im öffentlichen raum, sondern eher gespalten worden in die alleinerziehende mutter, n’est-ce pas?

b: 13:04:34 ich hätte halt eher gesagt, dass die subjektivierung diese schizophren disposition in den köpfen und körpern aufrichtet, in denen nun das kapital und die arbeit beide repräsentiert sind … einerseits mag ich gerne im bett liegen blieben, andererseits mein leben effektiv durchziehen
c: 13:58:01 das ist ja das ekelige an der sujektivierung, dass das alles in einer person statt findet
b: 13:58:07 also: du musst dir erst sorgen machen: wenn in deiner to do liste steht: freundin anrufen
c: 13:58:25 versuch da mal zu streiken – ab heute ist meine arbeitskraft krank
c: 13:58:30 dann bin ich gleich mit krank
b: 13:58:34 so n scheiss
b: 13:07:42 witzig, postops … preciado sagt ja: wir sind alle postops
c: 13:18:34 wenn queer nicht antikap ist, dann wird es erstens wie jeder andere lifestyle vermarktet, und (viel wichtiger:) ist damit nicht die reproduktionsfrage gelöst, die geht nur antikapitalistisch zu lösen
b: 13:19:09 das wichtige zuerst: warum ist die reproduktionsfrage nur antikapitalistisch zu lösen?
C: 13:19:49 weil wenn sie kapitalistisch gelöst wird das ethnisierung von arbeit, prekarisierung und das alles heißt, das sehen wir doch heute
b: 13:20:48 dann das unwichtige: was ist das problem daran, wenn queer zum lifestyle wird und vermarktet? gerade die vermarktungsstrategien nützen queer doch aktuell. die exotisierungslogiken der differenz sind doch das stärkste verbreitungsmedium, sicherer als moralische toleranz zudem … bleibt nur die materialistischere kritik, dass es darin eine spaltung zwischen schwulen und lesben gibt

b: 13:21:05
da hast du total recht …
c: 13:21:57
hm, ich kann deinen abkopplungswunsch aber auch verstehen (ohne rumharmonisieren zu wollen)aber unsere genossen gehen mir derzeit wie immer auf den sack und dieses lifestyle argument hängt mir auch zum hals raus es ist jedenfalls nicht schlimmer als carhartt uniform
b: ich kann mir jedenfalls sehr gut einen kap vorstellen ohne schwulen hass und ohne zweigeschlechtlichkeit
c: 13:42:40 andererseits: ist es vielleicht auch sehr abstrakt sich kap ohne meinetwegen das alles vorzustellen
b: 13:43:05 ja, total
c: 13:43:11 wenn der aktuelle kap ja nach eben diesen differenzen funktioniert bzw. sie mit produziert und politics müssen zwar auch theoretisch berücksichtigen was möglich ist, aber eben auch davon ausgehen was ist
b: 13:45:25 das soll ja auch nicht einer orthodoxen wertkritik das wort reden, sondern ist den erfahrungen der integrationsfähigkeit geschuldet . alle hoffnungen das kap system über einen „äußeren“ hebel zum einsturz zu bringen, haben sich blamiert … denk nur an diese reichianischen thesen, dass der kap dermaßen auf die diziplinierte subjektivität angewiesen ist, dass eine entsublimierung ihn hedonistisch platt machen muss… deswegen der versuch, gewissermaßen den kern der ökonomie rauszuarbeiten, um zeigen zu können, wie flexibel der ist und mit was der alles kombinierbar ist ..
c: 13:46:28 also doch von innen aber eben nicht automatisch?
b: 13:50:45 also die proleten sind nicht per se nette menschen und die queers nicht per se links oder antikap (auch nicht aus ihren innersten interessen eigentlich) … und den kap machen wir kaputt mit äh streiks, hihi … einbisschen krise … und die konstruktion von neuen beziehungen, die eben auch ökonomische sind .. kinships, wie du das nennst
c: 13:51:25 abgemacht

Bini Adamczak ist das unstete Bündnis zänkischer Gespenster (zum Beispiel orthodoxer Wertkritik und dekonstruktivistischer Feminismen), unerwünschter Erbschaften und nächtlicher Reproduktionsläufe. Nebenbei ist sie Performerin im Theaterkollektiv andcompany&Co, Zeichnerin und Autorin grenzgängerischer Texte und Bücher (wie etwa „Kommunimus für Kinder“).

Cornelia Möser ist Teil des queerfeministischen Saloons Berlin, an der Vorbereitung eines Events zum Spannungsfeld von politischer Ökonomie- und antisexistischer Normativitätskritk im Frühjahr in Berlin beteiligt und schreibt eine Doktorarbeit zu wandernden Theorien in den Gender Studies.

Links:
Bini Adamczak – Theorie der polysexuellen Ökonomie (Grundrisse) (Link)
Bini Adamczak – Kritik der polysexuellen Ökonomie (Link)


1 Antwort auf „„jump and run. communistische postpornoperverse vs. kapitalsexistische ciswertmatrix““


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