Wenn PostfaschistInnen zu sehr lieben

Lars Quadfasel – 16. November 2009 – 20Uhr

Zur Austreibung des Sexuellen aus der Sexualität:
Adornos Diktum über die Kulturindustrie, sie sei »pornographisch und prüde«, ist längst zum Kennzeichen des falschen Ganzen geworden. Ob in Tratschspalten, auf Reklametafeln oder im Gesundheitsbetrieb, in der öffentlichen Sorge um Schutz, Schwangerschaft und Geburtenzahlen oder im gemeinsamen Halali auf »Kinderschänder« und »Täterschützer« (und nicht zuletzt in der allgegenwärtigen Faszination fürs islamistische Schleierspektakel) – so begierig wie misstrauisch widmet sich die Gesellschaft dem Begehren ihrer Subjekte. Der erregte Blick auf die fremde wie die eigene Geilheit hat dabei am allerwenigsten luxe, calme et volupté im Visier. Gerade dort, wo – scheinbar ganz unverklemmt – der selbstbewusste, souveräne Umgang mit der Geschlechtlichkeit eingefordert, gar das Bekenntnis zur ureigenen sexuellen Identität propagiert wird, wird offenbar, was abgewehrt werden muss, weil es sich keiner mehr leisten kann: der Trieb als das andere in mir, der macht, das ich nicht ganz bei mir selber bin.
Diese Entsexualisierung der Geschlechtlichkeit ist Konsequenz einer Vergesellschaftung, die den Menschen zum geknechteten und verächtlichen, also weder liebenswerten noch zur Liebe fähigen Wesen macht. Sie triumphiert daher insbesondere unter jenen Verhältnissen, die den – nicht nur metaphorisch – hässlichen Deutschen hervorgebracht hat. Die Nachfolgestaaten des »Dritten Reiches«, welches die Ströme des Eros erfolgreich auf Volk und Vaterland lenkte, wissen das Ressentiment gegen Liebe & Libertinage weiterhin in Dienst zu nehmen. Galt es in der Nachkriegszeit noch, den Nationalsozialismus selber als einen perversen Exzess zu brandmarken, demgegenüber freilich der »kleine Mann« seine libidinöse Unschuld bewahrt habe, so verschob sich in der Folgezeit, zahlreicher sexueller Revolutionen sei dank, das Wunschbild der demokratisierten VolksgenossInnen auf die Position des unbefleckten Verführers: auf den des souveränen (männlichen oder weiblichen) Herren, der sich seine Quanten Kraft durch sexuelle Freude selbstbewusst zuteilt. Gütig unterstützt wird er dabei von einem patriotisch-kulturindustriellen Komplex, dessen jüngstes Meisterstück in Sachen Erotisierung der Nation anlässlich der Männer-Fußballweltmeisterschaft 2006 zu bewundern war: ein nationaler Summer of Love, der die Geburtenraten neun Monate später in ungeahnte Höhen schießen ließ.

Lars Quadfasel, ehemaliger Kindergärtner, ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek (http://studienbibliothek.org) und ist Teil der Gruppe Kittkritik sowie der Gruppe Ratio Rausch Revolution. Er studierte Germanistik und publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, phase2, taz) und Sammelbänden. Seine Themenschwerpunkte sind: Postfaschismus, psychoanalytische und Kritische Theorie, Kritik der Kulturindustrie und Buffy Studies.

Links:

  • „Fun, auf Deutsch, heißt Stahlbad – Thesen zu Kulturindustrie, Nationalsozialismus und Postfaschismus“ (via 15jahre conne island/cee ieh)
  • Audio-Beitrag zu „Die Wahrheit des Unbewussten: Zur Eigenart der psychoanalytischen Erkenntnis“ (via Seltsamer Zusammenschluss)
  • „Bedürfnis und Befreiung – Zur Kritik der Situationistischen Revolutionstheorie“ (via phase 2
  • „Gottes Spektakel – Zur Metakritik von Religion und Religionskritik“ (Teil 1 und Teil 2 via extrablatt)

1 Antwort auf „Wenn PostfaschistInnen zu sehr lieben“


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