Zweigeschlechtliche Norm und ihr biologisch-medizinisches Fundament

Heinz-Jürgen Voß – 10. November 2009 (Dienstag) – 20Uhr

„Geschlecht“ macht nach wie vor zahlreiche Menschen betroffen von Diskriminierung und Gewalt. Diskriminierung: Vielen bewusst ist, dass noch immer das Geschlecht darüber entscheidet, ob man in prestigeträchtige Positionen aufsteigen kann oder nicht. So liegt der Anteil von Frauen in den am besten dotierten Positionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft unter 10 Prozent, der Anteil der Männer bei über 90 Prozent. Gewalt: Weniger bekannt ist, dass noch immer in der Bundesrepublik Deutschland Menschen, ohne ihre eigene Einwilligung, medizinisch einem von zwei Geschlechtern zugewiesen werden. Mediziner_innen und Eltern entscheiden, welche Behandlungen „sinnvoll“ sind, welches Geschlecht das „beste“ ist; operative und hormonelle Behandlungen finden auf dieser Entscheidungsgrundlage statt, ohne dass eine lebensbedrohliche Situation vorgelegen hätte. Mit den eigentlichen Patient_innen wird oft nicht einmal in späteren Jahren über die Gründe solcher „medizinischen Behandlungen“ – die oft als traumatisierend und gewaltvoll beschrieben werden – gesprochen.

Der geschlechtlichen Ordnung, Diskriminierungen und Gewalt in dieser, wird oft ein Fundament aus biologischen und medizinischen Theorien zu Grunde gelegt. Es sei doch so, dass es „natürlich“ – vorgegeben und unabänderlich – zwei Geschlechter gebe. Dass es nicht so ist, sondern dass es sich auch bei biologischen und medizinischen Geschlechterkonzepten um Theorien handelt, macht Heinz-Jürgen Voß bei dieser Veranstaltung deutlich. Voß zeichnet nach, wie historisch unterschiedlich auf „das Geschlecht“ – „weiblich“ oder „männlich“ – erkannt wurde. Aktuell zeigt sich die Biologie mit dermaßen vielen „biologischen Faktoren“ konfrontiert, die als bedeutsam bei der Entwicklung der Genitalien betrachtet werden, dass es ihr nicht mehr gelingt, diese in ein Zweigeschlechtermodell zu pressen. Hier liegt Potenzial, biologische Theorien grundlegend zu überdenken. Voß macht hierfür Vorschläge und macht klar: Auch theoretische Beschreibungen und ihre Formulierung vermeintlicher Sicherheit, dass Biologie und Medizin das „wahre Geschlecht“ erkennen könnten, tragen Mitverantwortung dafür, dass noch immer in der Bundesrepublik Deutschland menschenrechtsverletztende geschlechtszuweisende Operationen stattfinden können.

Heinz-Jürgen Voß ist viel unterwegs und hat viel zu sagen. Neben der Mitarbeit in diversen antifaschistischen, gender-kritischen, queer Gruppen und Projekten, schloß er ein Biologie-Studium mit Diplom ab und promovierte in diesem Jahr zu „Geschlechterdekonstruktion aus biologisch-medizinischer Perspektive“.

Links:

  • Heinz-Jürgen Voß im Interview bei Radio Corax zu „Geschlechtsbestimmung – Wissenschaft und Ethik“
    (via freie-radios.net)
  • Heinz-Jürgen Voß: „Intersexuellenbewegung und zweigeschlechtliche Norm – Zwischen Emanzipation und Restauration. Eine kritisch-biologische Intervention.“ (via Liminalis)
  • „Queer politics zwischen kritischer Theorie und praktischer (Un)Möglichkeit“ (via linksnet)
  • Blog „Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht.“ (Link)

4 Antworten auf „Zweigeschlechtliche Norm und ihr biologisch-medizinisches Fundament“


  1. 1 florian 21. Januar 2010 um 14:03 Uhr

    …und nun gibts auch das zugehörige buch:
    „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“
    http://www.transcript-verlag.de/ts1329/ts1329.php

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